Warum das Löschen von Cookies gar nicht so eine gute Idee ist

Vor Kurzem bin ich auf einen Beitrag des SWR-Magazins Marktcheck gestoßen, in dem es um Dynamic Pricing – also dynamische Preisgestaltung – geht. Dass die großen Online–Händler, Fluggesellschaften und Hotelportale ihre aktuellen Preise mir Algorithmen berechnen, war für mich nichts Neues. Überrascht haben mich jedoch das Ausmaß und die Frequenz, mit der im E-Commerce Preisschwankungen auftreten:
So soll sich der Preis einer Spiegelreflexkamera bei Amazon innerhalb von nur 36 Stunden mehrfach deutlich geändert haben: von nur 700 € bis zu maximal 1690 € – also fast 1000 € Preisunterschied! Der Preis einer Digitalkamera soll bei Amazon innerhalb von 3 Tagen sogar ganze 275 Mal gewechselt haben.

Dynamic Pricing: Mehrwert für die Unternehmen

Aus Anbietersicht macht das durchaus Sinn: Ist ein Mitbewerber günstiger, kaufen Kunden das Produkt bei der Konkurrenz. Bieten Mitbewerber ein Produkt teurer an oder haben es womöglich nicht vorrätig, gehen Gewinne verloren. Auch interne Faktoren spielen – besonders bei begrenzten Gütern – eine Rolle. Bleiben beispielsweise bei einem Linienflug Plätze unbesetzt, gehen der Fluggesellschaft (egal zu welchem Preis) Gewinne verloren, denn das Flugzeug fliegt ja eh. Andersherum können höhere Preise verlangt werden, wenn die Fluggesellschaft rechtzeitig erhöhtes Interesse an einem Flug erkennt. Diese Erfahrung habe ich selbst schon einmal gemacht, als ich zusammen mit 2 Freunden mit Germanwings in den Urlaub geflogen bin. Da wir direkt nacheinander gebucht haben, hat die Preismanagement-Software für die 3. Buchung des selben Flugs fast 50% mehr verlangt.

Im Marktcheck-Bericht heißt es auch, dass auf Amazon Produkte zur selben Zeit auf einem iPad teurer waren als auf einem PC. Dies hat Amazon-Deutschland-Chef Ralf Kleber jedoch in einem Interview mit der Rheinischen Post dementiert.

Neu war mir bisher, dass Händler, die ihre Produkte bei Google bewerben, für eine bessere Position in der Produktsuche Rabatte einsetzen, die nur aktiv werden, wenn der Besucher auf die entsprechende Google-Anzeige klickt. Damit zahlen also Kunden, die im Internet nach dem günstigsten Preis suchen, einen niedrigeren Preis, als Kunden, die gezielt auf der Händlerseite einkaufen (weil sie beispielsweise Stammkunden sind).

Cookies als Rabatt-Coupons

Lensbest Air Optix Aqua (ohne Cookies), Screenshot vom 08.11.2015

Lensbest Air Optix Aqua (ohne Cookies), Screenshot vom 08.11.2015

Etwas nachdenklich bin ich geworden, als ich dann in der schriftlichen Zusammenfassung des SWR-Beitrags den Tipp Entfernen Sie regelmäßig Ihre Cookies gelesen habe. Wurde nicht zuvor noch gezeigt, dass man mit dem Google-Cookie einen Rabatt bekommt?

Und tatsächlich: Das Beispiel aus dem Beitrag mit dem Kontaktlinsen-Händler Lensbest lässt sich einfach nachvollziehen. Ohne den Cookie, der beim Klick auf die Google-Anzeige gesetzt wird, kosten die Kontaktlinsen AIR OPTIX AQUA 29,99 € zzgl. Versandkosten. Mit Cookie kostet dasselbe Produkt nur noch 20,99 € inkl. Versandkosten.
Zum Ausprobieren habe ich 2 Links vorbereitet, mit denen man den Effekt schnell selbst testen kann:

AIR OPTIX AQUA bei Lensbest, ohne Cookie

AIR OPTIX AQUA bei Lensbest, mit Cookie

Lensbest Air Optix Aqua (mit Cookies), Screenshot vom 08.11.2015

Lensbest Air Optix Aqua (mit Cookies), Screenshot vom 08.11.2015

Die beiden Links müssen in der richtigen Reihenfolge aufgerufen werden. Ist der Cookie erst einmal gesetzt, wird der günstigere Preis auch bei einem Klick auf den 1. Link angezeigt.

Einen Rabatt von 40 % (hinzu kommen ja noch 4,99 € Versandkosten) finde ich schon ziemlich beachtlich – einfach dafür, dass im Browser ein bestimmter Cookie gesetzt ist. Vor allem wenn man bedenkt, dass Lensbest auch noch für jede Bestellung Provisionsgebühren – in diesem Fall an Google – in Höhe von 15-20% bezahlt, werden einem die Gewinnmargen der Gesundheitsbranche bewusst… 😉

Sparen mit der Cookie-Taktik

meinxxl.de (ohne Cookies), Screenshot vom 08.11.2015

meinxxl.de (ohne Cookies), Screenshot vom 08.11.2015

40 % Rabatt auf einen Online-Einkauf nur durch einen Klick auf ein Suchergebnis haben mich schon erstaunt – aber ich wollte mehr. Fündig wurde ich beim Hersteller von Foto-Leinwänden meinxxl.de: Hier kostet eine Fotoleinwand im Format 20 x 30 cm regulär 34,90 €, mit Google-Cookie nur 3,15 € – also über 90 % Rabatt!

Auch hierfür habe ich wieder Demo-Links mit und ohne Cookie vorbereitet:

meinxxl.de (mit Cookies), Screenshot vom 08.11.2015

meinxxl.de (mit Cookies), Screenshot vom 08.11.2015

meinxxl.de, ohne Cookie

meinxxl.de, mit Cookie

Auch hier müssen die Links in der richtigen Reihenfolge angeklickt werden, da der beim 2. Link gesetzte Cookie auch auf der 1. Seite gültig ist.

Fazit

Dass Dynamic Pricing im E-Commerce eingesetzt wird, war mir klar. Dass aber ein einziger Cookie darüber entscheidet, ob man 90 % Rabatt auf ein Produkt erhält, hat mich verblüfft. Sicherlich lassen sich noch viele andere Beispiele finden, bei denen Händler alles dafür geben, um in der Google-Produktsuche der günstigste Anbieter zu sein.

Das kann – und sollte – man ausnutzen! Wenn ich beim nächsten Mal etwas im Internet bestelle, suche ich auf jeden Fall vorher mit der Google-Produktsuche danach. Dass über Cookies Nutzungs- und Interessensprofile von mir erstellt werden, lässt sich eh nur schwer verhindern. Dann schlage ich die Industrie aber mit ihren eigenen Waffen: Meine Cookies sind mein digitales Couponheft, mein Stammkunden-Ausweis und meine Rabatt-Karten. Warum sollte ich die einfach so wegwerfen, indem ich meine Cookies lösche?

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